Bayerischer Soldatenbund 1874 e. V. * Generalsekretariat Fürst-Wrede-Kaserne, Ingolstädter Str. 240 * 80939 München 

Tel.:  089 - 189 999 62 * Fax:  089 - 189 999 63 * kontakt@bsb-1874.de

Leitartikel aus unserem Verbandsmagazin treue Kameraden - Dez. 16 / Jan. 17.

Weihnachtspost: 

"...wer einmal an der Front zu Hause war, trägt im Leben ein Sonntagsgesicht."

In einer Zeit des Überflusses und der sozialen Sicherheit Weihnachten zu feiern, sollte prinzipiell eine leichte Übung sein. Man nimmt sich wochenlang vorher Zeit Besuchstermine abzustimmen, den weihnachtlichen Speiseplan aufzustellen, Einkäufe zu tätigen und Karten für ein Weihnachtskonzert zu kaufen. Nicht zu vergessen die Weihnachtspost rechtzeitig aufzugeben, was noch in vielen Familien guter Brauch ist.

Statistiken bestätigen allerdings, dass die friedliche Weihnacht gar nicht so selbstverständlich ist. Wenn die Erwartungen hoch sind und genügend Zeit da ist, sich im Familien- und Verwandtschaftskreis zu unterhalten, entwickeln sich nicht selten anstatt eines harmonischen Familienfestes handfeste Konflikte. Verdrängte Differenzen und unausgesprochene Gegensätze können die Feiertagsstimmung rasch dahinschmelzen lassen.

In Zeiten des Krieges haben die Menschen andere Sorgen. Selbst wenn die physiologischen Grundbedürfnisse nach Speis und Trank befriedigt werden können, was je nach Lage keineswegs selbstverständlich ist, steht die Frage nach der Sicherheit der eigenen Familie und anderer wichtiger Bezugspersonen ständig im Raum. Weihnachtspost erhält in solch schweren Zeiten eine völlig andere Bedeutung. Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg vermitteln einen Eindruck davon, wie dankbar Soldaten im Felde allein schon dafür waren, wenigstens nicht frieren zu müssen.

Als Beispiel mag der 21jährige Soldat Ekkehard Johler aus Hamburg gelten.                                                                                                                 Er schrieb zu Weihnachten 1942 aus Stalingrad einen seiner letzten Briefe an die Familie:

22. Dez. 1942
Liebe Eltern und Geschwister!
Es ist noch früh am Tage. Ich bin eben aufgestanden und sitze am Klappenschrank der Vermittlung. 
Heute, wie stets, gelten meine ersten Gedanken Euch Lieben!

JMx hat ja übrigens heute Geburtstag. Da werde ich mich zur Feier des Tages waschen und rasieren. Dazu kommt man in der Feuerstellung nicht jeden Tag. Im Winter kennen wir glücklicherweise keinen Wassermangel. Es liegt ja genug Schnee vor der Tür, der auf dem dauernd brennenden Ofen in einer kleinen Waschschüssel geschmolzen wird. Aus dem "dauernd brennenden Ofen" könnt Ihr entnehmen, dass wir nicht frieren. Das ist wenigstens ein Plus. Leider scheint es mit der Post bis zu den Feiertagen nicht mehr zu klappen. Na, man kann nichts daran tun und muss froh sein, wenn man heil und gesund ist! Seid nur ja alle recht vergnügt und munter und lasst Euch die unterschiedlichen Festessen gut schmecken.
So ein Weihnachtsfest, wie ich es heuer erleben werde, hat einen riesigen erzieherischen Wert, denn eigentlich bin ich das erste Mal in weihnachtlicher Stimmung, nur um des Weihnachtsfestes willen, werde also nicht von Geschenken abgelenkt. Erst jetzt wird mir u.a. auch klar, wie überaus hoch Muttis Pfeffernüsse, Schmalznüsse, Klöben usw. einzuschätzen sind. Das kann man in diesem Maße erst merken, wenn man alles entbehren muss und keinerlei Ersatz dafür hat. Freilich wird Mutti aus technischen Gründen in diesem Jahr nicht so reichlich gebacken haben, ich denke eben an einige Jahre früher, wo alles vorhanden war und jede Blechdose vor den feinsten Gebäcken fast platzte. Ich habe mal irgendwo die Worte gehört:"...wer einmal an der Front zu Hause war, trägt im Leben ein Sonntagsgesicht." Ich bin überzeugt, dass es mir ebenso ergehen wird. Wenn ich daran denke, wie ich früher oft unzufrieden war, und manches total verkehrt einschätzte, dann bleibt mir nur die Hoffnung ein Trost, später durch die neue Mentalität das begangene Unrecht wieder gutmachen zu können.
Lebt wohl, auf Wiedersehen!
Herzliche Grüße und Küsse!
Euer Ekki.

Ekkehard Johler gilt seit dem Ende der Schlacht von Stalingrad als vermisst, es gibt keine weitere Spur von ihm. Er kam nicht mehr nach Hause zurück, um dem Leben sein Sonntagsgesicht zu zeigen als Ausdruck dafür, dass die Alltagssorgen vergleichsweise unbedeutend sind. Die erhalten gebliebenen Feldpostbriefe, die zwischen ihm und seiner Familie im Laufe des Jahres 1942 geschrieben wurden, deuten auf eine innige Verbindung hin. Was werden seine Eltern gedacht haben, als sie an Weihnachten 1942 ihren Sohn in 3.000 km Entfernung in einer lebensgefährlichen Stellung wussten?

Zu dieser Zeit waren bereits Tausende von Soldaten vor Stalingrad gefallen, die Siegespropaganda dürfte nicht mehr glaubwürdig gewesen sein. Was geht in Vater und Mutter vor, was denken die Geschwister, wenn einer ihrer Liebsten in einer lebensbedrohlichen Situation aushalten muss? 

Ein Weihnachtsfest ohne Lebensgefahr allein wäre schon für jeden von ihnen als Wohltat empfunden worden. Auf den heute üblichen Weihnachtskonsum und die Übertreibungen unserer modernen Medienwelt hätten sie vermutlich liebend gerne verzichtet.

Ein weiteres aufschlussreiches Beispiel für die Tragödien, die sich damals abgespielt haben, ist der erhalten gebliebene Feldpostbrief einer höchst besorgten Mutter an ihren vermutlich in Russland kämpfenden Sohn. Er gibt uns einen Hinweis darauf, wie die Sorge um ihn zunahm, nachdem er auf einige Briefe nicht geantwortet hatte.

Godshorn, den 23.10.1942

Unser lieber guter Heinz!

Ich muss erst an Dich schreiben, eher habe ich keine Lust, was zu tun. Es sind nun 4 Wochen her, wo wir noch keine Post von Dir erhalten haben. Wir schreiben doch immerzu. Ich will Dir mal mitteilen, wie viele Briefe wir im Oktober abgeschickt haben. Am 1.10. 1 Brief und 2 Päckchen vom 5.10. und 12.10., vom 14.10., vom 19.10., heute ist der 23. und ich schreibe schon wieder. Liegt das an dem Schlamm, der dort bei Euch herrscht, oder bist Du krank. Man macht sich die fürchterlichsten Gedanken. Im Oktober haben wir noch keinen Brief von Dir bekommen. Wir haben doch sonst regelmäßig von Dir Post gekriegt. Hier regnet es auch fast jeden Tag. Wir sind alle gesund und munter und hoffen von Dir dasselbe. Ich möchte bloß mal wissen, wie lange ich noch vergebens warten muss, bis uns der Postbote einen Brief von Dir bringt.

Sei tausendmal gegrüßt von allen Deinen Lieben.
Schreib sofort.

Mamma

Wie muss die Welt für diese Mutter zusammen gebrochen sein, als nach wochenlangem Warten dieses letzte Schreiben mit einem Vermerk auf dem Umschlag zurückkam:

Zurück, Empfänger gefallen für Großdeutschland, 2.11.1942, Förster, Gefreiter

Ihr Sohn kam nie mehr wieder, er hatte sein Leben in diesem mörderischen Krieg verloren. Einige Wochen vor dem Fest eine derartige Nachricht erhalten zu haben, dürfte jede Weihnachtsstimmung im Keim erstickt haben.


Im Internet sind zahlreiche Beispiele für Feldpostbriefe aus der damaligen Zeit zu finden. Unzufriedenen Zeitgenossen der Gegenwart wäre die Lektüre des einen oder anderen Briefes zu empfehlen. Zumindest diejenigen Menschen, die sich eine gewisse Sensibilität bewahrt haben, könnten sich damit erden und zurück besinnen darauf, was im Leben eigentlich zählt. Und Dankbarkeit dafür entwickeln, dass wir in unserem stabilen Mitteleuropa mit einer weitgehend gefestigten inneren und äußeren Sicherheitslage leben dürfen.
Übrigens:
Seit einigen Jahren gibt es wieder Feldpost zu Weihnachten. Von und für Soldaten der Bundeswehr, die an zahlreichen Orten auf dem Globus eingesetzt sind. Zum Glück überwiegend nicht in einer mörderischen Umgebung, wie sie wehrpflichtige Wehrmachtssoldaten zum großen Teil gegen ihren Willen auszuhalten hatten. Sind wir den Bundeswehrangehörigen dankbar dafür, dass sie um des Friedensdienstes willen Weihnachten ohne ihre Liebsten feiern. Hoffentlich mit der Aussicht auf eine gesunde Heimkehr.