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"in Treue fest"

Leitartikel aus unserem Verbandsmagazin treue Kameraden - Okt. / Nov. 2016

Wir gedenken!

Wir gedenken der für Deutschland gefallenen Soldaten in den beiden Weltkriegen.

Mit diesen Worten beginnt die Totenehrung des Bayerischen Soldatenbundes.

Was hat das Gedenken in der heutigen Gesellschaft für einen Stellenwert, ist es nicht überholt und etwas für die Ewiggestrigen? Lebt derjenige einseitig in der Vergangenheit, der sich immer wieder früherer Menschen und Geschehnisse erinnert? Oder gehört nicht das Gedenken zur Erinnerungskultur, um vergangene Perioden der Menschheitsgeschichte wach zu halten und daraus zu lernen?

An den sprachlichen Wurzeln des Begriffes ist zu erkennen, dass bereits unsere frühen Vorfahren ein entsprechendes Bewusstsein entwickelt haben. Das Wort gedenken stammt vom althochdeutschen Begriff gadenchan (an etwas denken) ab, im Mittelhochdeutschen entstand daraus der Begriff gedenken.

Gedenktage gibt es in unüberschaubarer Zahl, jeder Tag des Jahres ist mit der Erinnerung an vergangene Personen und geschichtliche Ereignisse gleichsam übersät. Ein Gedenktag reiht sich an den anderen. Man könnte den Jahresablauf damit zubringen, anhand von Jubiläen in die Geschichte einzutauchen und das aktuelle Leben außen vor zu lassen. Besteht also mit dem konzentrierten Blick auf das Gestern nicht die Gefahr, die Gegenwart aus dem Auge zu verlieren und die Zukunft zu verpassen?

Ein Wort von Albert Schweitzer gibt Antwort auf diese Fragen: Aus dem Todesgedenken kommt die wahre Liebe zum Leben.

Die Erinnerung an Verstorbene verleiht dem Leben einen eigenen Sinn. Die Rückbesinnung auf vergangene Verwandte oder Freunde kann dem Menschen das Gefühl geben, Glied einer langen Kette zu sein und den Lebensstab den Nachfahren weiter zu reichen. Die Trauer um Angehörige oder Freunde hat einen direkten Bezug zum Leben, zur eigenen Existenz. Nicht umsonst kann die persönliche Anteilnahme an Trauerfeiern zu einer äußerst emotionalen Angelegenheit werden.

Von der privaten Trauer, dem individuellen Gefühl der Verbundenheit mit Verstorbenen ist das öffentliche Gedenken zu unterscheiden. Das Gedenken auf der gesellschaftlichen Ebene transportiert das Gefühl der Trauer vom Einzelnen auf die Mehrzahl, vom Individuum auf das Kollektiv. Das Gedenken als Teil der öffentlichen Erinnerung verweist auf die gemeinschaftliche Bedeutung von Geschichte. Es wirkt wie ein Appell, Erfahrungen einer Nation im kollektiven Gedächtnis zu bewahren und über Generationen weiterzugeben.

In Zusammenhang mit dem Volkstrauertag wird die Frage gestellt, was die sprachlichen Formeln und Zeremonien heute noch für eine Bedeutung haben. Die Angehörigen der Väter- und Großvätergeneration, diejenigen, die die Kriege am eigenen Leib erlebt haben, werden von Tag zu Tag weniger. Das Gefühl der persönlichen Betroffenheit von Krieg und Vertreibung nimmt in der Bevölkerung ab. Welche Erinnerungen sollen wie bewahrt werden, was kann der Verweis auf die Kriegstoten uns für Gegenwart und Zukunft bedeuten?

Albert Schweitzer: Aus dem Todesgedenken kommt die wahre Liebe zum Leben.

Jeder Mensch hat ein individuelles Gedächtnis in sozialer, kultureller und politischer Dimension[1]. Das Gedächtnis des Einzelnen umfasst etwa drei Generationen, die über das eigene Bewusstsein miteinander verbunden sind. Die Generation der Vorfahren steht mit der Generation der jeweiligen Nachfahren über dem Individuum in Verbindung. Dieses sog. Drei-Generationen-Gedächtnis ist ein ständig in Bewegung befindliches Gebilde. Die Grenzen sind fließend, die Gedächtnisinhalte nicht statisch. Jeder Einzelne besetzt mit seiner Lebensgeschichte einen eigenen Platz mit einer eigenen Wahrnehmung. Erinnerungen sind nie deckungsgleich.

Das Erinnerungsprofil von Gesellschaften verschiebt sich mit jedem Generationswechsel in Perioden von ca. 30 Jahren. Was einst bestimmend oder repräsentativ war, rückt allmählich vom Zentrum an die Peripherie. In jeder neuen Generation entstehen neue Sichtweisen und Fragestellungen. Generationenkonflikte sind daher an der Tagesordnung.

Aus dieser modellhaften Betrachtung ergibt sich die Frage, wie bedeutsame Sachverhalte im gesellschaftlichen Gedächtnis bewahrt werden können. Auf den einzelnen Menschen ist kein Verlass, er hat seine individuellen Erinnerungen. Was er behält und was er vergisst, ist so vielfältig wie das Leben selbst. Der Volkstrauertag wie auch das Gedenken im BSB sind mithin der Versuch, die Schrecken der Kriege im kollektiven Gedächtnis zu verankern. Der ritualisierte Anstoß soll dazu dienen, sich immer wieder mit dem Sachverhalt zu beschäftigen.

Damit nicht immer wieder alles von vorne beginnt.   

Denkmale sind Teil des gesellschaftlichen Gedächtnisses. Sie symbolisieren den Übergang von der individuellen zur kollektiven Erinnerung und tragen mit zur kulturellen Formung und Idealisierung von Gesellschaften bei. Martin Luther hat Denkmalen die Funktion einer „Gedächtnisstütze“ zugewiesen. Menschen sind bis zu einem gewissen Grad dinglich veranlagt. Denkmale sind greifbare Orte der Erinnerung die man teilen, über die eine emotionale Beziehung hergestellt werden kann. Mit Kreuzen am Straßenrand weisen Angehörige zur Erinnerung und gleichzeitig Mahnung auf das Schicksal von getöteten Verkehrsteilnehmern hin. Auch sie sind eine Form von Denkmal.

Nun hat sich die Menschheit zweifellos weiterentwickelt, geschichtliche Zusammenhänge werden von Historikern aufgearbeitet. Mit einem Klick können Daten, Personen und Geschehnisse auf den Bildschirm geholt werden, wer mag kann zu den Weltkriegen ganze Abende vor dem Fernseher verbringen. Beobachter sprechen von einem Erinnerungs-Tsunami, einer Invasion von Vergangenheit, die in Zusammenhang mit den Weltkriegen über uns hereingebrochen ist. Hingegen beanspruchen Denkmale kostbaren Raum in den Zentren der Kommunen, Gedenkfeiern kosten dem modernen Menschen wertvolle Zeit. Der gesellschaftliche Diskurs zu diesen Themen ist kompliziert geworden.

Wozu also braucht die Gesellschaft heute noch die öffentlich zur Schau gestellte Erinnerung mit Denkmalen und Gedenktagen, was kümmern uns die Kriege von gestern? Sie gehen uns nichts mehr an. Dass dem Anschein nach immer weniger Menschen an Gedenkfeiern teilnehmen, scheint die Zweifler zu bestätigen.

Die Kriege von gestern gehen uns aber sehr wohl etwas an. Sie wirken direkt in die heutige Zeit, die Grenzen der europäischen Länder wie auch die Grenzen in den Köpfen vieler Mitmenschen stammen aus dem letzten Jahrhundert. Die fragile europäische Friedensordnung schreit geradezu nach einem immerwährenden Geschichtsunterricht, damit ja niemals vergessen wird, was sich vor ein paar Menschengenerationen zugetragen hat.

Das Gedenken ist Teil der Identität der Angehörigen des Bayerischen Soldatenbundes. Wir wissen um die Vergänglichkeit der menschlichen Erinnerung, um die Kurzsichtigkeit politischer Entscheidungen. Im kollektiven Gedächtnis sind die Katastrophen des letzten Jahrhunderts gespeichert. Sie führen nicht zu kollektiver Schuld, weil Schuld immer nur eine individuelle Kategorie sein kann. Aber Opfer wie auch Taten unserer Väter- und Großvätergeneration, und damit sind beileibe nicht nur die Deutschen angesprochen, müssen als Mahnung erhalten bleiben.

Das sind wir unseren Vorfahren schuldig, daraus resultiert die Berechtigung, ja Notwendigkeit des Gedenkens auch in Form des Volkstrauertages. Die Millionen Opfer dürfen nicht umsonst gestorben sein, ist unsere Haltung zur Frage des Gedenkens.

Mit dem wachsenden zeitlichen Abstand nimmt das Gefühl der Betroffenheit weiter ab. Ob das Ritual des Volkstrauertages auf Dauer genügend Anziehungskraft ausübt, wird sich zeigen. Wie künftige Generationen mit dem Gedenken umgehen, müssen sie selbst entscheiden. Sie werden selbst entscheiden, ob Fahnen und Kanonendonner noch dazu gehören sollen. Es werden sich immer wieder Wege finden lassen, den nachgeborenen Generationen ansprechende Zugänge zum Gedenken zu eröffnen. Auf Medieninhalte zu verweisen, ist jedenfalls kein tauglicher Ersatz, sie sind flüchtig. Abrufbare Informationen sind noch lange kein kollektives Wissen.

Auch moderne Gesellschaften benötigen nach unserer Überzeugung einen rituellen Rahmen für das Gedenken, um dem kurzen Gedächtnis nachzuhelfen. Wir gedenken daher weiterhin der für Deutschland gefallenen Soldaten in den beiden Weltkriegen.

Damit nicht immer wieder alles von vorne beginnt.

In Treue fest!

Oberst a. D. Richard Drexl

[1] Nach der Gedächtnistheorie von Aleida Assmann sind Individuen mit ihren biographischen Erinnerungen in unterschiedliche Gedächtnishorizonte eingespannt, die immer weitere Kreise ziehen: das Gedächtnis der Familie, der Nachbarschaft, der Generation, der Gesellschaft, der Nation, der Kultur. Eine der wichtigsten Funktionen der individuellen Erinnerung ist die Ausbildung der Identität. Erst die Fähigkeit des Memorierens macht den Menschen zum Menschen.