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Exorzismus in der Bundeswehr

Der Umgang mit unseren Streitkräften lässt jedes Augenmaß vermissen 

Dass ein junger Bundeswehroffizier auffliegt, der möglicher- weise mit Gleichgesinnten einen Terroranschlag plante, ist schon ein starkes Stück, das sich viele nicht hätten träumen lassen. Dieser wohl einmalige Vorgang in unseren Streitkräften bedarf einer vollständigen und lückenlosen Aufklärung, die Hintergründe und Zusammenhänge müssen ausgeleuchtet werden. Vertrauen wir den Ermittlungsbehörden, die Justiz wird am Ende ein gerechtes Urteil fällen. Dass im Zuge dieser Affäre auch die Frage nach strukturellen Versäumnissen gestellt wird, ist einleuchtend. Soweit so gut möchte man sagen.

Was aber in diesem Zusammenhang über die Bundeswehr hereingebrochen ist, lässt jedes Augenmaß vermissen. Ein Verfassungsorgan wird unter den Generalverdacht eines ‚Netzwerkes‘ gestellt, als ob derartige Vorgänge an der Tagesordnung wären. Namhafte Medien entblöden sich nicht, selbst eine Linie zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ zu konstruieren, weil Angehörige dieser Terrorzelle bei der Bundeswehr gedient haben. Schlagzeilenträchtig wird ein ‚Problem der Truppe mit braunen Kameraden‘ behauptet (Welt am Sonntag vom 14. Mai 2017).

Dabei ist die Bundeswehr seit Jahrzehnten ein verlässlicher und stabiler Garant unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. 99,99 Prozent der Bundeswehrangehörigen in Uniform oder Zivil versehen ihren Auftrag wie es die Eides- formel verlangt: der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tafer zu verteidigen.

Bundeswehr unter Wehrmachtsverdacht

Die Sensationsgier der Presse um beinahe jeden Preis ist das eine. Auf der anderen Seite ist es „völlig unangemessen und absurd, die ganze Bundeswehr unter einen Wehrmachtsverdacht zu stellen“, um mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Volker Rühe zu sprechen.

Man möchte gerne überzeugende Gründe hören die dazu führen konnten, die Bundeswehr über Nacht auf Wehrmachtsdevotionalien untersuchen zu lassen. Als ob es nicht schon seit Jahrzehnten nicht gezählte Ansätze gegeben hätte, Traditionsnamen mit unseliger Verbindung zur Wehrmacht zu ändern und NS-Symbole überall dort zu entfernen, wo sie nicht im geschichtlichen Kontext erforderlich sind. Verbleiben durften diese nur jeweils mit Erläuterung und geschichtlicher Einordnung. Jede Lehrsammlung und jeder Traditionsraum wurde mehrfach begutachtet.

Die Bundeswehr muss nicht heute von der Wehrmacht befreit werden, das ist längst geschehen. Zudem erlaubt der Traditionserlass z.B. das Sammeln von Waffen, Modellen, Urkunden und Fahnen, um Kenntnisse und Interesse an Geschichte zu fördern. Darüber hinaus haben Waffen und Ausrüstungsgegenstände der Bundeswehr oftmals eine Wurzel, die in vielen Fällen bis in die Wehrmacht zurückreicht. Schließlich war deren Technik zur damaligen Zeit führend. Dass immer wieder auch unliebsame Exponate gefunden werden, ist auch eine Frage der Dienstaufsicht. Im Übrigen wäre es völlig falsch, die Erinnerung an die Wehrmacht aus dem Gedächtnis der Streitkräfte löschen zu wollen. Wie sollten die Vorbilder aus dem Widerstand funktionieren, wenn das ‚wogegen‘ ausgespart werden müsste? Und – warum ist das Misstrauen den Soldaten gegenüber so groß ihnen nicht zuzutrauen, sich als gebil- dete und mündige Bürger ein eigenes Urteil zu bilden? Vielleicht sollten sich diejenigen, die nun mit dem Furor des Exorzismus über die deutschen Streitkräfte herziehen, dessen Wirkung vor Augen führen. Wenn von einem Versagen der Inneren Führung gesprochen wird, weil Einzelne verbrecherische Absichten hegen, wirkt das als Misstrauenserklärung der ganzen Armee gegenüber. Das hat gerade noch gefehlt in einer Situation, in der vielen altgedienten Angehörigen un- serer Streitkräfte die Identifikation mit ihrer Organisation immer schwerer fällt. Die Bundeswehr hat in den letzten Jahr- zehnten derart viele tiefgreifende Einschnitte einschließlich der Aussetzung der Wehrpflicht aushalten müssen, dass zumindest den unteren Führungsebenen die Orientierung zunehmend schwer fällt.

Neben der reihenweisen Auflösung von Einheiten und Standorten wurden vertraute Bezeichnungen geändert, Meldewege und Vorschriften über den Haufen geworfen; kaum noch 

1 Im internen Sprachgebrauch bis in Führungsebenen hinein wird die Bundeswehr oft abwertend als „Firma“ tituliert. 

einer kann das große Ganze deuten. Die Identifikation mit Einheit, Standort und Aufgabe gelingt oft nicht mehr, ein schlechtes Zeichen für den Zusammenhalt. Das Militärische wird zum attraktiven Job wie jeder andere degradiert, was es aber nicht ist und nie war. Eine verhängnisvolle Entwicklung. Die nach wie vor hohen Zahlen an Eingaben an den Wehrbeauftragten sind ein deutliches Zeichen für den grassierenden Unmut der Soldaten. Politikverdrossenheit und Misstrauen gegenüber der militärischen und politischen Führung sind spürbarer denn je.

Bundeswehr kein Hort für Extremisten

Dabei ist die Bundeswehr beileibe kein Hort für Extremismus, die Zahl identifizierter Rechtsextremisten in der Truppe nimmt seit Jahren deutlich ab. Dies deckt sich mit dem persönlichen Eindruck, den ich in über 41 Dienstjahren von unserer (meiner) Armee gewonnen habe. Das Zerrbild, das derzeit von den Streitkräften gezeichnet wird, kann ich überhaupt nicht





Abb.: Bundeswehr

nachvollziehen. Mit offen rechtsradikalen Ansichten sind mir in den ganzen Jahrzehnten zwei Soldaten begegnet, die bei- de lange aus der Armee entlassen sind. Einzelfälle noch aus der Zeit der Wehrpflicht, als beispielsweise ein junger Soldat auf dem rechtsradikalen Index enthaltene Lieder gespielt hat, wurden dem Militärischen Abschirmdienst wie es sich gehört gemeldet und geahndet. Der MAD war nach meinem Eindruck jeweils recht genau im Bilde über die diesbezügliche disziplinare Lage, die Reaktionen waren zeitnah und angemessen. In Kommandeurbesprechungen wurden Häufungen disziplinarer Verstöße thematisiert, eine erhöhte Aufmerksamkeit bei Bedarf angemahnt. Dies traf z.B. zu Zeiten der Wehrpflicht auf gelegentlich vermehrte Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz zu.

Es wirkt gespenstisch, wie nach möglichen Fehlern in einem Einzelfall (Franco A.) nun eine Haltungs- und Führungsschwäche der ganzen Streitkräfte diskutiert wird. Die Bundeswehr ist ein Abbild der Gesellschaft, ein hinlänglich bekannter Allgemeinplatz. Für bedauerlicherweise immer wieder auftretende Einzelfälle an Verstößen gegen Gesetze und Befehle existiert eine funktionierende Wehrdisziplinarordnung, bei Bedarf auch das Wehrstrafrecht. Im Übrigen werden in allen Fällen Menschen von Menschen beurteilt, falsche Entscheidungen sind im Einzelfall niemals auszuschließen. 

Aus dem „rechtsextremen Netzwerk“ von vorläufig drei Personen wird nun ein dringender Bedarf für die ‚Entnazifizierung‘ der deutschen Streitkräfte herbei geredet. Der Traditionserlass von 1982 soll überarbeitet werden, ein Liederbuch aus dem 90er Jahren ist ins Fadenkreuz geraten, weil dort Liedgut dabei ist, das schon in der Wehrmacht gesungen wurde. Wie weit der Bildersturm bereits geht, zeigt sich an der nach Helmut Schmidt benannten Bundeswehruniversität in Hamburg. Dort ist ein Bild des Altkanzlers entfernt worden, das ihn in Wehrmachtsuniform zeigt.

Anstatt Helmut Schmidt als Vorbild darzustellen, der den Weg vom Offizier der Wehrmacht zum weltweit anerkannten Regierungschef eines demokratischen Landes gegangen ist, wird seine Vergangenheit weggesperrt. Dieser Vorgang belegt, wie tief die Truppe verunsichert ist und wie sehr Vorgesetzte ohne Rückgrat in vorauseilendem Gehorsam handeln. Einen Kanzler in Wehrmachtsuniform zu zeigen, der seine Zeit als Soldat vielfach kritisch und klug kommentiert hat, wäre eine beherzte Art, die Vergangenheit des Militärs unter Hitler aufzuarbeiten. Das Bild mit einem Zitat von Helmut Schmidt verdeutlicht, wie junge Menschen in Hitlers Armee missbraucht worden sind und auch zu Tätern werden konn- ten.

Das öffentliche Getöse aus durchsichtigen Gründen um die mögliche Terrorzelle zeigt Wirkung: in aktuellen Umfragen leidet das Ansehen der Streitkräfte spürbar. Nur weiter so wird sich mancher Bundeswehrskeptiker denken, das wird viele junge Menschen abschrecken, die Bundeswehr als Arbeitgeber in Betracht zu ziehen. Welches zivile Unternehmen würde freiwillig derartige Vorwürfe, ob sie nun zu Recht bestehen oder nicht, in aller Öffentlichkeit ausbreiten, um damit zusätzliche Aufmerksamkeit zu verursachen? Der Aktienkurs wäre rasch im Keller, die für die Kommunikation Verantwortlichen würden gefeuert und ein neuer Unternehmenslenker müsste sich bemühen, die Wogen zu glätten und das Schiff wieder in ruhigeres Fahrwasser zu steuern.

Apropos Unternehmenslenker: mit Misstrauen und Verdacht kann kein Unternehmen geführt werden, eine Armee schon gar nicht. Generale ohne Angabe von Gründen in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken wie jüngst wieder geschehen, ist ein sicheres Mittel, der Führung das Rückgrat zu brechen. Kritische Äußerungen bleiben in der Folge ganz aus, der Anpassungsdruck pflanzt sich von oben nach unten fort und verrichtet sein Werk: in einer militärischen Führung, bestehend aus stromlinienförmig angepassten Mitläufern, wird Entscheidungsscheu zum Markenzeichen. Tote Soldaten im Gefecht können der hohe Preis dafür sein.

In Treue fest!

Richard Drexl Oberst a.D.